Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag.
Mein erster großer Vortrag am Institut, an dem ich damals arbeitete. Ich war nervös, aber auch stolz. Tagelang hatte ich mich vorbereitet. Ich wollte zeigen, was ich konnte und endlich das Gefühl haben, angekommen zu sein.
Die ersten Folien liefen gut. Ich wurde sicherer.
Dann kam der Schlag.
Nach der zweiten Folie unterbrach mich meine Chefin. Nicht mit einer Frage. Nicht mit einem hilfreichen Hinweis.
Sondern mit einem Tonfall, der sofort klar machte: Hier geht es nicht um Leistung. Hier geht es um Macht.
Damals konnte ich das nicht einordnen. Heute weiß ich: Viele Menschen zweifeln nicht an sich selbst, sondern an Strukturen, die sie klein halten.
Dieser Moment hat mir gezeigt, warum manche im Job nie wirklich glücklich werden und warum der Wunsch nach Selbstständigkeit oft viel früher beginnt, als man denkt.
Sie kritisierte meine Darstellung, meine Wortwahl, meine Struktur – alles.
Und das in einem Raum voller Kolleginnen und Kollegen.
Ich weiß noch, wie ich da stand, mit klopfendem Herzen, wie mein Blick zwischen den Gesichtern hin und her glitt, auf der Suche nach irgendeinem Anzeichen von Rückhalt – aber alle schwiegen. Einige nickten sogar zustimmend, andere nutzten die Gelegenheit, um noch etwas nachzutreten. Denn das Schlimmste war, die Chefin das Signal gegeben, dass ich nun Freiwild sei, und wer bei der Demontage mithalf, konnte bei ihr punkten.
Ich fühlte mich ausgeliefert. Bloßgestellt.
Und während ich äußerlich versuchte, professionell zu bleiben, brach innerlich etwas.
Damals konnte ich das nicht einordnen. Ich dachte, vielleicht bin ich einfach zu empfindlich, vielleicht ist das eben so in der Arbeitswelt. Heute weiß ich: So etwas ist nicht in Ordnung.
Ein solches Verhalten ist kein Feedback, sondern eine Form von Missbrauch – getarnt als Sachlichkeit.
Denn auch sachliche Kritik kann übergriffig sein, wenn sie ohne Wertschätzung, ohne Takt und ohne Respekt geäußert wird.
Ich hatte Zeit, Energie und Herz in diesen Vortrag gesteckt. Und anstatt, dass jemand das sah, wurde ich einfach niedergeredet. Kein Wort über das, was gut war. Kein Verständnis. Nur Härte.
Heute weiß ich, dass das keine Stärke ist, sondern eine Schwäche – eine gravierende Führungsschwäche.
Wer so mit Menschen umgeht, hat das Grundprinzip von Bildung und Zusammenarbeit nicht verstanden.
Das es ging noch weiter: Eigentlich stand in meinem Vertrag etwas anderes.
Ich sollte zu 100 % in einem Forschungsprojekt arbeiten – das war klar geregelt.
Aber das war meiner Chefin völlig egal. Stattdessen setzte sie mich für alles Mögliche ein – nur nicht für das, wofür ich eingestellt worden war.
Plötzlich betreute ich drei Lehrveranstaltungen gleichzeitig, korrigierte Klausuren, plante Seminare und hielt Vorträge, die gar nicht zu meinem Aufgabenbereich gehörten. Für mein Forschungsprojekt hatte ich so gut wie keine Zeit mehr und trotzdem sollte ich den öffentlichen Geldgebern gute Ergebnisse liefern, schließlich war ich zu 100 Prozent darauf eingestellt. Ich war überfordert, aber sagte nichts. Ich wollte ja niemanden enttäuschen, ich wollte funktionieren.
Anerkennung? Fehlanzeige.
Und je mehr ich mich bemühte, desto mehr wurde selbstverständlich vorausgesetzt.
Ich lernte schnell: In vielen Organisationen zählt nicht, was man leistet, sondern wie gut man sich unterordnet. Loyalität schlägt Leistung.
Und wer Fragen stellt oder Grenzen zieht, gilt schnell als schwierig.
So wurde ich zum Spielball eines Systems, das von oben nach unten funktioniert – und das genau so will.
Die Arbeitswelt, so wie ich sie erlebt habe, ist häufig nicht auf Fairness gebaut, sondern auf Macht.
Man ist austauschbar. Manchmal bist du beliebt, manchmal bist du im Weg. Und das kann sich von einem Tag auf den anderen ändern.
Später, als ich als Quereinsteiger an einer Schule arbeitete, wurde es besser.
Der Umgang war respektvoller, menschlicher, weniger hierarchisch. Aber auch dort gab es Momente, die mich an dasselbe Grundproblem erinnerten:
Man ist nie wirklich frei. Man tut, was andere einem sagen. Man arbeitet nach Regeln, die man nicht mitgestaltet.
In der Schule sind die Ferien als Urlaubszeit vorgegeben, aber ansonsten muss man sich den Urlaub genehmigen lassen – am besten ein Jahr im Voraus, obwohl man gar nicht weiß, ob man dann überhaupt weg will.
Und wenn man Pech hat, darf man sich auch noch selbst eine Vertretung suchen, damit der Laden weiterläuft.
Das alles hat mich irgendwann nur noch wütend gemacht.
Diese ganze Bürokratie, dieses starre Denken, diese Abhängigkeit von Entscheidungen anderer – das war nicht meine Welt.
Ich wollte nicht länger eine Spielfigur sein im Spiel anderer. Ich wollte selbst bestimmen, wohin ich gehe, was ich tue, und wofür ich meine Energie einsetze.
Und so war dieser Vortrag damals, so verletzend er auch war, der erste Riss im System – mein persönlicher Weckruf. Rückblickend hätte ich damals kündigen oder mich beschweren sollen. Aber ich tat es nicht. Ich schluckte es runter, wie man so vieles runterschluckt, wenn man noch glaubt, man müsse sich anpassen.
Er war der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich nie glücklich werde, wenn ich mich immer wieder anpasse, statt selbst zu gestalten.
Ich will selbst bestimmen, was ich mache.
Ich will meine Energie in etwas stecken, das mir gehört.
Ich will gestalten, statt mich anpassen zu müssen.
Ich will nicht mehr von den Launen anderer abhängig sein.
rIch will mich selbstständig machen.
Und rückblickend kann ich sagen: Manchmal braucht es genau so einen Schlag – selbst wenn er nur aus Worten besteht –, um endlich aufzuwachen.
Dieser Moment, so schmerzhaft er war, war der erste Riss in der Fassade meiner Vorstellung von Sicherheit.
Er war der Anfang eines Weges, den ich damals noch nicht kannte – aber heute gehe.
Ein Weg, der mit einem Vortrag begann.
Und mit dem stillen Entschluss: Nie wieder so.
Autor*in: jw