Carlos Ortiz kündigte 2016 seinen sicheren Job, nahm seine Gitarre und zog ohne Geld durch Europa. Vier Monate lang lebte er von Straßenmusik – und lernte dabei nicht nur viele tolle Menschen kennen, sondern auch eine neue Sicht auf Freiheit und das Vertrauen ins Leben.
Vom Büro auf die Straße: Warum Carlos seinen Job kündigte

Als Carlos im Frühjahr seine Kündigung abgibt, will er eigentlich nur eine Pause. Drei Jahre lang arbeitet er in einem Unternehmen in Köln, versucht, sich intern weiterzuentwickeln – doch es bewegt sich wenig. „Ich hatte das Gefühl, auf der Stelle zu treten“, sagt er.
Er beschließt, sich ein paar freie Monate zu nehmen, bevor er nach einem neuen Job sucht. Ohne großen Plan, aber mit dem Wunsch, den Sommer zu genießen. Irgendwann kommt ihm eine Idee: Er hat in Köln immer wieder auf der Straße Musik gemacht – warum nicht diese Erfahrung mit einer Reise verbinden?
Er hat keine Ersparnisse, also muss sich die Reise selbst finanzieren. Dabei legt er sich selbst ein Experiment auf: jeden Tag alles ausgeben, was er verdient hat, und immer wieder bei Null beginnen. Das Ziel steht grob fest: Europa – der Rest soll sich unterwegs ergeben.
„Ich wollte sehen, was passiert, wenn ich einfach losgehe“
Carlos, erinnerst du dich an den Moment, als du wusstest: Ich mach das wirklich?
Ja. Ich hatte schon länger überlegt, eine Pause einzulegen. Aber als ich beschloss, dass ich gar kein finanzielles Polster brauche, sondern einfach mit meiner Gitarre losziehen kann, war der Entschluss klar. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, wenn man alles loslässt und einfach frei ist.
Wie hast du dich vorbereitet?
Gar nicht großartig. Ich hab meine Gitarre genommen, einen Rucksack gepackt, mich in einer Facebook-Gruppe für Tramper eingetragen – und jemand bot mir an, mich von Bonn bis in die schottischen Highlands mitzunehmen. Das war der Start.
Ein finanzielles Experiment
Carlos hatte sich eine Regel gesetzt: Er darf nur das ausgeben, was er an dem Tag verdient. Keine Rücklagen, kein Sparen.
Warum diese Regel?
Zunächst, weil ich keine Ersparnisse hatte und so oder so erst einmal bei Null starten musste. Es gab Tage, an denen ich gut verdient habe, und andere, an denen es kaum zum Essen reichte. Aber ich wollte einfach sehen, ob es trotzdem klappt, und fand es abenteuerlicher so.
An guten Tagen konnte er sich etwas gönnen, denn auch dieses Geld sollte vollständig ausgegeben werden: ein exklusives Essen, ein guter Wein, eine kostspielige Unternehmung. An schlechten Tagen reichte es nur für Brot und Käse – aber das war dann auch okay für ihn.
„Ich habe gemerkt, dass man erstaunlich wenig braucht und es einem trotzdem gut gehen kann. Die schönen Erlebnisse und Begegnungen hingen nicht von den Einnahmen ab.“
Der erste Stopp per Mitfahrgelegenheit: Brighton
Die Reise beginnt ohne Erwartungen. In Brighton, an der englischen Südküste, spielt Carlos während einer Pause auf dem Weg nach Schottland zum ersten Mal im Ausland auf der Straße. Er stellt sich an den Pier, stimmt seine Gitarre, fängt an zu singen und ist leicht nervös. Bis die ersten Münzen fielen – „Das war der Moment, in dem ich gemerkt habe, dass es funktioniert“, sagt er. Am Ende des Tages konnte er sagen: „Ich kann von meiner Musik leben – zumindest schon mal heute. Und das ist ein verdammt gutes Gefühl!“
Von da an geht es weiter durch Großbritannien. Schottland beeindruckt ihn besonders – die Weite, die Stille, die musikbegeisterten Menschen.
Zwischen Freiheit und Unsicherheit
Wie hat dein Umfeld auf die Entscheidung reagiert, alles aufzugeben?
Die meisten fanden es spannend und freuten sich mit mir. Manche waren jedoch besorgt, wie ich das machen will – wo ich schlafen würde, was passiert, wenn das Geld ausgeht. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass es irgendwie geht. Ich bin generell jemand, der lieber vertraut als plant.
Im beruflichen Umfeld war es tatsächlich anders. Da kam oft: ‘Ich könnte nie kündigen, ohne was Neues zu haben.’ Das hat mir gezeigt, wie unterschiedlich Menschen sind. Für mich war das kein waghalsiger Schritt, sondern ein Versuch, mal anders zu leben. Ich war mir sicher, dass ich danach auch wieder einen Job finden würde.
„Ich glaube, viele überschätzen, was man wirklich braucht, um loszugehen.“
Der Alltag eines Straßenmusikers
Carlos entwickelt unterwegs einen festen Rhythmus. Früh morgens packt er seine Gitarre, zieht los, sucht sich in der Innenstadt gute Plätze – Orte mit vielen Menschen, aber mit genug Raum zum Spielen.
Wie sah ein typischer Tag aus?
Es war eigentlich so, wie einen Vollzeitjob auszuüben. Ich war viel mit der Gitarre unterwegs und habe jeden Tag gespielt – zwei bis vier Stunden reine Spielzeit, aber verteilt über den Tag. Ich musste oft Plätze wechseln, weil es in vielen Städten Zeitlimits gibt. Abends habe ich nach einer Unterkunft gesucht, meistens über Couchsurfing oder im Hostel.
Es gab auch einige Konkurrenz auf den Straßen. Manche wollten ihren Platz nicht teilen, andere waren hingegen total offen. In großen Städten ist Straßenmusik ein eigenes System – man muss sich arrangieren, fair bleiben und trotzdem für sich selbst sorgen. Das kannte ich so aber auch schon aus meiner Zeit als Straßenmusiker in Köln.
Bist du unterwegs auf andere reisende Musiker getroffen?
Ja, auf sehr viele sogar! Sowohl in den Hostels, als auch auf den Straßen. Mich haben auch zwei sehr gute Musiker-Freunde aus Köln unterwegs besucht und für eine Woche begleitet. Wir sind gemeinsam von Berlin nach Dresden und von Dresden weiter nach Prag gereist, das war wirklich schön. In Budapest habe ich James kennengelernt, der mit seinem Cajon unterwegs war und wir sind für ca. 3 Wochen gemeinsam weitergereist und haben zusammen gespielt. Das war auch eine sehr schöne Erfahrung! Generell habe ich aber viele Musiker kennengelernt und wir haben uns gegenseitig Tipps gegeben über gute Spots zum Spielen, Hostels & Co.;
Was war finanziell gesehen dein bester und dein schlechtester Tag?
Der beste war in Wien – ich habe an einem Nachmittag fast 400 Euro verdient. Der schlechteste war in Split in Kroatien: Es war perfektes Wetter, viele Leute waren unterwegs, aber keiner blieb stehen. Keinen Cent hatte ich da verdient – das war frustrierend, und ich musste mir eingestehen, dass ich umkehren und wieder in ein Land zurückreisen musste, in dem ich besser verdiente. Zum Glück fand ich an dem Tag eine kostenfreie Übernachtungsmöglichkeit in einem Hostel, in dem ich auch für die Gäste spielte.
Wertvolle Begegnungen unterwegs
In Schottland trifft Carlos einen Musiker, der ihm einen entscheidenden Tipp gibt: Er solle in Hostels nachfragen, ob er im Austausch für ein Konzert kostenlos übernachten kann. „Ich war echt skeptisch, aber es hat dann wirklich jedes Mal funktioniert. Ab da musste ich kein Geld mehr für Schlafplätze ausgeben.“
Eine andere Begegnung bleibt ihm besonders in Erinnerung: In Utrecht spielt er tagsüber auf der Straße, abends geht er in eine kleine Weinbar. Jemand spricht ihn an – er habe ihn vorhin spielen gehört. Sie kommen ins Gespräch, trinken ein Glas Wein und am nächsten Tag laden ihn die neuen Bekannten auf ihr Boot ein. Sie fahren durch die Kanäle Utrechts, machen Musik, grillen.
„Das war einer der schönsten Tage der Reise“, sagt Carlos. „Das wäre mir ohne die Straßenmusik nicht passiert.“
Bürokratie, Genehmigungen und die Akzeptanz vor Ort
War es überall erlaubt, auf der Straße zu spielen?
Es gibt in jeder Stadt andere Regeln. In England und den Niederlanden zum Beispiel ist Straßenmusik gerne gesehen, in Italien oder Kroatien ist es komplizierter. Man braucht teilweise Genehmigungen, die Wochen dauern, oder die Konzepte sind eher für Ortsansässige geeignet – zum Beispiel in Prag (365 Euro Genehmigungsgebühr, um das ganze Jahr über spielen zu können, also 1 Euro pro Tag). In München muss man einem Komitee vorspielen, um eine Lizenz zu bekommen – das ist für Reisende unrealistisch. Ich hab dann einfach trotzdem gespielt, aber natürlich immer mit Respekt gegenüber den Gegebenheiten vor Ort. Die Regeln ändern sich stetig, deshalb ist es sinnvoll, immer die aktuelle Lage zu recherchieren, z. B. über eine Suchmaschine: „Budapest Straßenmusik Regeln“ – so findet man eigentlich immer alle wichtigen Informationen.
Ist die Tätigkeit als Straßenmusiker steuerpflichtig?
Wenn man gelegentlich, zum Beispiel auf Reisen, Musik macht und dafür Spenden bekommt, gilt das als gelegentliche, nicht-gewerbliche Tätigkeit – faktisch eine Bagatelle, solange du das nicht dauerhaft oder professionell machst.
Wenn du aber sehr regelmäßig auftrittst und damit unter anderem deinen Lebensunterhalt bestreitest, gilt das steuerlich als selbstständige Tätigkeit und muss beim Finanzamt angemeldet werden.
*siehe kleiner Exkurs unten
Wie war deine Erfahrung mit dem Publikum in den verschiedenen Ländern?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Leute in Nordeuropa offener sind für Straßenmusiker. Die meisten meiner Songs kennt man aus dem Radio – ich spiele vor allem englische Coversongs. Dadurch ist ein Wiedererkennungswert gegeben, und man erreicht meiner Erfahrung nach mehr Menschen. Entsprechend habe ich mit meiner Musik in Ländern, in denen wenig Englisch gesprochen wird, auch weniger Anklang gefunden – zum Beispiel in Portugal, Spanien oder Italien.
Carlos’ wichtigste Learnings
Gab es Momente, in denen du ans Aufgeben gedacht hast?
Eigentlich nicht. Es gab durchaus sehr anstrengende Tage, aber keine, an denen ich abbrechen wollte. Ein einziges Mal habe ich meine Regel gebrochen – als meine Schwester mir schrieb, dass sie kurzfristig in der Dominikanischen Republik heiratet. Ich wollte unbedingt hin, brauchte aber 1.500 Euro dafür. Also blieb ich fünf Tage in Wien, wo ich bereits sehr gute Erfahrungen gemacht hatte, spielte dort täglich auf der Straße und wohnte dabei bei meiner Mutter. Nach einer Woche hatte ich das Geld beisammen – das war für mich wieder der Beweis: Mit der Straßenmusik kann ich tatsächlich gut leben.
Hast du durch dein Experiment etwas Neues gelernt?
Das größte Learning war, dass man tatsächlich relativ einfach mit einer kreativen Idee unterwegs Geld machen kann. Viele waren sehr überrascht, wenn ich ihnen erzählte, wie viel ich auf den Straßen teilweise verdiente, und dachten, da würde man in der Stunde nur ein paar Euro verdienen. Man sollte sich also von einer solchen Idee nicht abhalten lassen, nur weil man denkt, es käme dabei nicht genug Geld herum, um die Reise zu finanzieren. Ich habe auf der Reise so viele Menschen kennengelernt, die mit der Gitarre, mit dem Malen, mit anderen Straßenperformances, Fotografie, Postkartenverkauf und weiteren kreativen Lösungen Geld verdient haben, um sich ihre Reise zu finanzieren. Ein argentinisches Pärchen zum Beispiel hat eine Europa-Tour mit der Fotografie finanziert: Sie haben professionelle Fotos von Restaurants gemacht und dafür Essen bekommen, haben Urlauber porträtiert und vieles mehr. Es gibt also wirklich viele Wege, Geld zu verdienen oder Leistung gegen Leistung zu erhalten, was man anfangs womöglich gar nicht so auf dem Schirm hat.
Der Weg zurück in den Alltag
Nach viereinhalb Monaten beendet Carlos seine Reise in Lissabon. Er ist müde, aber fühlt sich reich beschenkt. „Ich wusste, dass es Zeit ist, nach Hause zu fahren. Ich war erfüllt, aber auch etwas ausgebrannt.“
Zurück in Deutschland fällt ihm der Alltag erst einmal schwer. „Ich musste mich erst wieder an den normalen Alltag gewöhnen.“
Nach ein paar Wochen beginnt er, sich international zu bewerben – und bekommt ein Jobangebot in der Dominikanischen Republik. Zwei Jahre lebt er dort, bevor er nach einer weiteren Station in München nach Italien zieht, wo er heute als Freiberufler selbständig ist und mit seiner Familie ein kleines Gästehaus mit Kochkursen betreibt.
„Ich würde es wieder tun – aber entspannter“
Machst du heute noch Straßenmusik?
Aktuell mache ich keine Straßenmusik. Das liegt aber eher an meinem aktuellen Lebensstil in Italien und daran, dass ich andere Projekte verfolge, jetzt auch einen Sohn habe und generell weniger Zeit. Ich spiele aber noch sehr gerne für mich, meine Familie und Freunde. Nach der Reise habe ich noch viele Jahre Straßenmusik gemacht, vor allem in Köln und München, und war zwischenzeitlich auch in einer Band aktiv. Die Musik spielt also nach wie vor eine große Rolle in meinem Leben, auch wenn sie jetzt gerade weniger im Fokus steht.
Was würdest du jemandem raten, der etwas Ähnliches plant?
Starte einfach, ohne einen vollständig ausgefeilten Plan zu haben – denn der wird vermutlich sowieso umgeworfen. Ich würde dir auch empfehlen, in deiner Heimatstadt zumindest schon einige Male vorher geübt und musiziert zu haben, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es ist, in der Öffentlichkeit zu spielen. Das war zumindest für mich anfangs deutlich herausfordernder als im Bekanntenkreis zu spielen.
Und wenn du die Reise noch einmal machen würdest?
Ich würde sie entspannter angehen und mir nicht mehr die Regelung auferlegen, alles wieder auszugeben, was ich am selben Tag verdient habe. Mit einem kleinem finanziellen Polster könnte ich mir ab und zu Pausen leisten. Aber sonst? Genau so. Ich würde wieder einfach loslaufen – mit meiner Gitarre und einem offenen Plan.
Vielen Dank für das inspirierende Gespräch, Carlos!
Text & Interview: Zita Avak
Fotos: privat
Info-Kästen
Carlos’ Reiseroute in 4,5 Monaten
Köln – Dover – Folkstone – Brighton – Stonehenge – Bath – Avebury – Loch Lomond – Inveraray – Fort William – Mallaig – Glasgow – Edinburgh – Brügge – Breda – Utrecht – Amsterdam – Hamburg – Lübeck – Travemünde – Berlin – Dresden – Bastei – Prag – Bratislava – Budapest – Wien – Ljubljana – Zagreb – Split – Graz – Wien – München – Heidelberg – Lago Maggiore – Florenz – Graz – Valencia – Malaga – Sevilla – Lissabon
Carlos’ Top 3 Orte zum Musizieren in Europa
Wien • Breda • Brügge
Carlos’ Equipment
Gitarre • Rucksack • Action-Cam
Drei wichtige Learnings von Carlos
- Es ist möglich, ohne Startkapital loszureisen.
- Wenn man offen für neue Optionen ist, findet man immer einen Weg.
- Warte nicht auf den perfekten Moment. Einfach mal starten, der Rest ergibt sich von selbst.
Top 3 Tipps für angehende Straßenmusiker:innen
- Informiere dich gut über lokale Regeln
- Verzichte auf der Straße auf Verstärker oder Mikrofon (das ist fast immer verboten)
- Beste Zeit: Wochenende, Nachmittag bis Sonnenuntergang

Exkurs: Freiberufliche oder gewerbliche Tätigkeit als Straßenmusiker
In Deutschland unterscheidet man zwischen Freiberuflern (künstlerische Berufe) und Gewerbetreibenden.
Straßenmusiker:innen zählen in der Regel zu den Freiberuflern, weil sie eine künstlerische, schöpferische Tätigkeit ausüben (§ 18 EStG).
Das bedeutet:
- Du musst kein Gewerbe anmelden,
- sondern lediglich deine freiberufliche Tätigkeit beim Finanzamt anzeigen.
Ausnahme:
Wenn du zusätzlich z. B. CDs verkaufst, Merch anbietest oder Straßenauftritte mit Handel verbindest, zum Beispiel mit dem Verkauf von Waren, dann ist ein Gewerbe nötig.
Interview + Autor*in: za